Sind wir Sklaven der Waage

Ich höre es immer wieder:

‚Ich möchte X kg abnehmen, dann wäre ich mit meinem Körper glücklich.‘

Ist das wirklich so? Wirst du wirklich glücklicher mit deinem Körper wenn du X Kilo weniger wiegst? Oder wirst du dann etwas anderes finden worüber du dich beschwerst – deine Haare, deine Haut… deinen Körper?

Die Waage war früher in meinem Leben nie präsent. Als ich als Teenager abnehmen wollte wusste ich nicht was mein Startgewicht war. Ich habe mich von meinem Spiegelbild leiten lassen. Irgendwann als ich mehr und mehr mich mit Fitness und Ernährung beschäftigt habe, habe ich beschlossen, dass ich mich mal auch wiegen ‚muss‘.

Sich regelmäßig zu wiegen kann sogar damit helfen auf Spur zu bleiben (1) und das Körpergewicht zu kontrollieren, vor allem nach einer Gewichtsverlustphase (2).

Das Problem kommt, wenn man sich von der Waage emotional beeinflussen lässt. Warum, fragt ihr? Was ist das Schlimme daran weniger wiegen zu wollen?

An sich ist das kein schlimmer Wunsch – er kann viele verschieden Gründe haben:

  • Gesundheit: schwer übergewichtige Individuen sind gesundheitlich gefährdet von ihrem Übergewicht und bei ihnen macht es defnitiv Sinn weniger wiegen zu wollen, denn mit einer Gewichtsabnahmen, nehmen auch die Gesundheitsrisiken ab
  • Athleten die in eine neue Gewichtsklasse passen möchten

 

Worum ich mich heute unterhalten möchte ist etwas anderes – unsere ungesunde Beziehung zu der Waage, zu diesem Stück Metall oder Plastik mit Batterien. Ja, das ist ein Stück Metall mit Batterien. Nichts anderes. Und doch, wenn wir darauf steigen und wenn dieses Stück Metall eine andere Zahl anzeigt als wir uns wünschen, dann geht unsere Welt unter.

Ich erinnere mich noch daran wie ich während meine Diät-Phase mich jeden Tag gewogen habe und dabei mich immer gewünscht habe dass die Zahl geringer und geringer wird. Dabei habe ich komplett die andere Indikatoren des Fortschritts ignoriert – meine Messungen, meinen Schlaf, meine Bilder, wie mir die Klamotten passen und das allerwichtigste, wie es mir körperlich und mental geht.

Ja, Gewicht ist Teil des Fortschritts – aber nicht 100%-ig bezeichnend dafür. Ich kämpfe jeden Tag dafür diese Botschaft meinen Kunden zu vermitteln, denn wenn man sich nur auf die Waage konzentriert verliert man. 

 

Ich kenne es – heute wiege ich eh mehr, dann kann ich auch alles essen was ich möchte und darauf zu achten was ich esse wird eh nichts bringen. Und bevor man es merkt ist man in einem Teufelskreis gefangen.

Ich kenne es – heute wiege ich mehr, Panik setzte sich ein, ich möchte in Tränen ausbrechen, ich möchte schreien, ich hasse meinen Körper mit meiner ganzen Seele. Warum tut er mir das an? Warum? Bestrafte ich ihn nicht genug?

Ich kenne es – heute wiege ich mehr, ich bin nicht genug. Nicht hübsch genug, keine wird mich lieben, ich bin ein fettes Schwein. Warum passiert mir das?

Ich kenne es – ich wiege nicht das was ich wiegen möchte, ich treibe mich mit extremen Methoden an diesen ‚Wunschgewicht‘. Egal was ich dafür tun müsste – hungern, fasten, mir einen Finger in den Hals stecken, Abführmittel nehmen. Egal, Hauptsache mein Krankhafter Wunsch ist endlich erfüllt, denn so kann man nicht leben.

Ich kenne es – ich versteife mich auf einen ‚Wunschgewicht‘, denn mit diesem Gewicht habe ich mich vor X Zeit wohlgefühlt und ich verbinde eine positive Emotion damit. Denn so wie ich jetzt bin ist kaum ein Zustand. Sobald ich an diesem Gewicht angekommen bin, beginnt der Teufelskreis von vorne.

Ich kenne es – ich bin bereit aufzugeben, denn der Fortschritt ist so langsam, dass ich ihn übersehe. Warum geht die Wage nach oben anstatt nach unten?… Ich bin unendlich frustriert.

 

Die Wahrheit ist, dass Gewichtsverlust nicht in einer geraden Linie dargestellt werden kann. Wir sind keine Maschinen. Wir sind Menschen, Biologische Einheiten die stetig in Bewegung sind. Unser Gewicht wird von unserer Umwelt, Ernährung, Aktivität beeinflusst. Wenn sich unser Gewicht verändert, bedeutet das das wir am Leben sind.

 

Und die Existenz ist ein unwahrscheinlicher Gewinn in der Lotterie des Universums. Verliert eure Zeit nicht damit euch über die Waage zu ärgern.

 

 

 

Stay Strong and Count Macros,

Aleks

 

Referenzen: 

(1)Shieh, C., et al., Self-weighing in weight management interventions: A systematic review of literature. Obes Res Clin Pract, 2016. 10(5): p. 493-519

(2)Butryn, M.L., et al., Consistent self-monitoring of weight: a key component of successful weight loss maintenance. Obesity (Silver Spring), 2007. 15(12): p. 3091-6

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